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Über TEXAID > 30 Jahre TEXAID (Reportage)

  
30 Jahre TEXAID (Reportage)
  

Alttextilien im Wandel der Zeit

Oktober 2008 – Seit sechs namhafte Schweizer Hilfswerke 1978 die gemeinschaftliche Sammelorganisation TEXAID ins Leben riefen, wurden rund 370'000 Tonnen Alttextilien gesammelt, anfangs auf Tischen, ab 1982 auf Fliessbändern und seit Februar 2008 computergesteuert sortiert. Über 25 Millionen Franken flossen in den letzten zehn Jahren in die Kassen der Hilfswerke, Samaritervereine, Kolpingfamilien und Jugendorganisationen.

Es gehört seit jeher zu den traditionellen Tätigkeiten vieler Hilfswerke, bedürftige Menschen überall auf der Welt (auch hierzulande) mit ausreichender Kleidung zu versorgen. Sei es in Entwicklungsländern, in Kriegsgebieten oder in von Katastrophen heimgesuchten Gegenden: humanitäre Organisationen sammelten von wirtschaftlich besser gestellten Menschen gebrauchte Bekleidung, um sie an die Bedürftigen zu verteilen. So führten auch das Schweizerische Rote Kreuz, die Winterhilfe Schweiz, das Schweizerische Arbeiterhilfswerk, die Caritas Schweiz, das Schweizer Kolpingwerk und das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz – jeweils jedes Hilfswerk für sich – Kleidersammlungen durch. Mit dem zunehmenden Wohlstand ab Mitte des letzten Jahrhunderts stieg auch die Menge der eingesammelten Kleider, sie überstieg vielfach die Nachfrage. Die Hilfswerke hatten mehr Ware als sie verteilen konnten.

TEXAID – gemeinsam sind wir stark
Humanitäre Institutionen haben in erster Linie die Aufgabe, Gutes zu tun. Die modernen Zeiten erforderten indes ein Umdenken in der wohltätigen Verwertung von Altkleidersammlungen. Man musste sich vom landläufigen Bild des armen afrikanischen Kindes, das unseren getragenen Pullover erhält, lösen. Die sechs Hilfswerke schlossen sich deshalb 1978 zur TEXAID-Sammelorganisation zusammen. Statt sich gegenseitig bei Sammlungen auf die Füsse zu treten, überliessen es die Hilfswerke von nun an der TEXAID, zweimal jährlich in der ganzen Schweiz für sie getragene Bekleidung und gebrauchte Haushalttextilien zu sammeln. Und neu, diese auch zu verwerten.

Sammeln – sortieren – verwerten
Nach wie vor füllten die Organisationen ihre Katastrophenlager mit gut erhaltener Bekleidung aus den Sammlungen, um bei Bedarf schnell bei Menschen in Not zur Stelle zu sein. Die überschüssige Ware wurde an ausländische Sortierwerke verkauft. Bis 1982. Die Hilfswerke erkannten den immensen Mehrwert, den die professionelle Verarbeitung der Sammelware hierzulande mit sich bringen würde. Also sicherten sie sich das praktische Know-how bezüglich Planung und Betrieb durch den seit Generationen im Textilrecycling tätigen Unternehmer Heinz Knecht, der sich auch finanziell am neu gebauten Sortierwerk in Schattdorf/UR beteiligte. Die TEXAID Textilverwertungs-AG sortierte seit 1982 jährlich knapp 5‘000 Tonnen Kleider, Schuhe und Haushalttextilien und fand Abnehmer für ihre verschiedenen Produktgruppen. TEXAID war und ist in der Schweiz die einzige Sammelorganisation mit eigener Sortierung.

Sortieren, sortieren, sortieren…
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im TEXAID-Sortierwerk klassifizieren die Sammelware nach etwa 60 verschiedenen Aspekten. Sie unterscheiden in feinen Abstufungen punkto Qualität, Abnutzungsgrad, Mode, Trendrichtung, Grösse, Herren-, Damen- oder Kinderbekleidung, Jahreszeit und vielem mehr. Grundsätzlich kann man das Sortierergebnis in vier Kategorien einteilen: Rund 55 Prozent sind gut erhaltene Bekleidung und Haushalttextilien, 15 Prozent defekte Baumwolltextilien, 20 Prozent sonstige Recyclingware und etwa zehn Prozent sind Abfall. Die minutiöse Sortierung gibt dem Sammelgut nicht nur einen beträchtlichen Mehrwert, sondern sie minimiert gleichzeitig auch den Abfallexport.

Die Wege der sortierten Ware
Gut erhaltene Kleider, Schuhe und Haushalttextilien finden dankbare Abnehmer in wirtschaftlich schwachen Ländern, in denen neue Textilien unverhältnismässig teuer zum Einkommen sind. Secondhand-Textilien aus der Schweiz sind qualitativ hochstehend, topmodisch und – was sehr wichtig ist – absolut erschwinglich. Die wichtigsten Abnehmerländer sind heute in Osteuropa, im Fernen Osten und in Afrika. Defekte Baumwollstoffe (zerrissene, fleckige, aber saubere Kleider und Haushalttextilien) können nicht mehr weiter getragen werden. Sie werden im ungarischen Eger von der TEXAID-Tochtergesellschaft Algotextil zu Industrieputzlappen umgearbeitet. Unter Recyclingware versteht man alle übrigen Stoffe, die untragbar sind: defekte Strickwaren, Mäntel, Uniformen, Decken etc. Je nach Qualität werden Wollstoffe gerissen, gereinigt, neu versponnen und wieder zu Kleidungsstücken verarbeitet, oder aus ihnen werden Decken, Isoliermaterial und Dämmstoffe. Unter die etwa zehn Prozent Abfall fallen defekte synthetische Bekleidung, verschmutzte Textilien, einzelne Schuhe, kaputte Spielsachen, Haushaltgegenstände und Unrat; das alles muss kostenpflichtig entsorgt werden.

Alttextilien als Wirtschaftsfaktor
Afrika gilt seit jeher als klassisches Alttextil-Exportland. Und seit jeher melden sich kritische Stimmen, unsere westlichen, billigen Exporte würden die dortige bescheidene Textilwirtschaft ruinieren. Eine 1997 von TEXAID bei der Schweizerischen Akademie für Entwicklung (SAD), Solothurn, in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass in den untersuchten afrikanischen Ländern Ghana und Tunesien kein Kausalzusammenhang zwischen dem Import von gebrauchten Textilien und der Entwicklung der lokalen Textil- und Bekleidungsindustrie verifizierbar ist. Im Gegenteil: Die Weiterverarbeitung und der Handel mit gebrauchten Textilien sind ein wesentlicher Wirtschaftsbereich, der über 100'000 Menschen in den beiden untersuchten Ländern eine Existenz sichert. In der norditalienischen Provinz Bergamo hat sich die Gegend um Prato auf die Weiterverarbeitung unsortierter Alttextilien spezialisiert, und seit der Öffnung nach Osteuropa ist das arbeitsintensive Sortieren gebrauchter Kleider in diesen Staaten ein wichtiger Wirtschaftszweig.

TEXAID-Sammelsack versus -Container
Der rot/weisse Sammelsack landet zweimal jährlich in allen Schweizer Haushaltungen. Nach wie vor sind es vielerorts Samaritervereine und Kolpingfamilien, die die Säcke einsammeln, auf Bahnwaggons verladen und für ihre wertvolle Mithilfe einen Anteil am Erlös aus diesen Sammlungen erhalten. Seit 1993 der erste TEXAID-Container im zürcherischen Bülach aufgestellt wurde, stehen heute rund 3'300 rot/weisse Sammelcontainer auf öffentlichen Entsorgungs- und Recyclingplätzen und an gut frequentierten Stellen. Die Möglichkeit der permanenten Textilentsorgung nimmt stetig an Beliebtheit zu; 80 Prozent  der Gesamtmenge stammt bereits aus Containern. Für Wartung und regelmässige Leerung ist täglich ein 30-köpfiges Logistikteam, ausgerüstet mit modernsten Leitsystemen unterwegs.

Modernstes Sortierwerk weltweit
Heute sammelt TEXAID jährlich über 20'000 Tonnen Kleider, Schuhe und Haushalttextilien. Seit längerem schon reichten die Kapazitäten im Sortierwerk Schattdorf/UR und in der seit 1999 in Betrieb genommenen kleinen Zürcher Sortieranlage nicht mehr aus, diese Mengen zu verarbeiten. Immer mehr unsortierte Ware musste an ausländische Betriebe verkauft werden. Im Februar 2008 startete deshalb in Schattdorf die modernste Sortieranlage der Welt: Ergonomisch angenehme Arbeitsplätze, sprachgesteuerte Klassifizierung jedes einzelnen Textilstücks und computergesteuerte Sortierstrasse. 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verarbeiten nun gut zwei Drittel des gesamten Sammelgutes. Die gesteigerte Effizienz des neuen Werkes sichert ihnen wertvolle Arbeitsplätze.

Die TEXAID-Tochtergesellschaften
«Das Verarbeiten von Gebrauchttextilien ist und bleibt wohl noch für längere Zeit viel Handarbeit, verbunden mit hohen Personal- und Investitionskosten», so Martin Böschen, Enkel des Sortierwerk-Mitbegründers Heinz Knecht und Direktor der TEXAID Textilverwertungs-AG, «unsere Mitbewerber beschränken sich deswegen auf den blossen Handel mit Alttextilien». Laut Martin Böschen hat die TEXAID, an deren Sortierbetrieb die Hilfswerke zur Hälfte als Aktionäre und auch operativ massgebend beteiligt sind, eine spezielle soziale Verantwortung: Mit der bestmöglichen Weiterverwendung von wertvollen Rohstoffen optimale Wertschöpfung zu generieren und Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. Etwa ein Drittel der Sammelmenge überschreitet die Sortierkapazität von Schattdorf und Zürich. Statt den Grossteil der unsortierten Ware an ausländische Konkurrenzunternehmen zu verkaufen, liefert TEXAID sie seit 2005 an ihre Tochtergesellschaft Swisstex in Sofia/Bulgarien, die dank dem wirtschaftlich günstigen Standort äusserst konkurrenzfähig arbeiten kann. Neben den eigenen Secondhand-Shops beliefert das Sortierwerk ebenfalls den ansässigen Einzel- und Grosshandel und exportiert einen Teil der Ware. 70 hochmotivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sortieren jährlich rund 3'000 Tonnen gebrauchter Textilien aus TEXAID-Sammlungen. Der Verwaltungsrat von TEXAID gab grünes Licht für den Bau eines neuen Swisstex-Sortierwerkes in Sofia; das Investitionsvolumen beträgt drei Millionen Franken. Wie schon erwähnt, übernahm die Algotex in Ungarn 2008 die Putzlappenproduktion. 35 Angestellte schneiden jährlich 2'000 Tonnen davon. Das vorbildlich und modern geführte Unternehmen ist ebenfalls eine TEXAID-Tochterfirma. Selbstverständlich sind alle Swisstex- und Algotex-Mitarbeiterinnen und
-Mitarbeiter zu fairen, das in beiden Ländern geltende Arbeits- und Sozialgesetz grosszügig übersteigenden Bedingungen angestellt.

Erfolg für die Hilfswerke
Füllt man die Sammelsäcke und Container von TEXAID mit seiner ausgedienten Garderobe, hat man nicht nur die Gewähr, den besten Weg für gute Kleider und Wertstoffe zu wählen, man spendet damit indirekt finanzielle Mittel in die Kassen der Hilfswerke, Samaritervereine, Kolpingfamilien und Jugendorganisationen. Der erwirtschaftete Erfolg (nach Abzug aller Betriebskosten) wird an diese Institutionen ausbezahlt. Insgesamt waren es beispielsweise in den letzten zehn Jahren über 25 Millionen Franken. Gelder, die wiederum für humanitäre Zwecke verwendet wurden. Unsere alten Kleider in den TEXAID-Säcken und -Containern tun also immer noch viel Gutes, nur zeitgemässer.

  
  
 
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